Donnerstag, 30. April 2015

Der erste Kommunist. Schernikau-Konferenz Berlin, März 2015.



White Gray Wedding.

Mit JoJa unterwegs in die große Stadt. Fahren ganz früh mit dem Bus, der Bus ist nicht ganz pünktlich und ein Stoppelstockbus mit ganz vielen ver­pennten Menschen drin. Sie alle sind auf der Flucht in den wilden Osten oder ins West­end. Was ist das wichtigste am Dreieck? Mit derlei wig­laf-drost’­schem Kurzweil vertreiben wir uns die Fahrtzeit. Kommen an dreiviertel acht am schmutzig-grauen Kongresszentrum neben dem Mini-Eiffelturm, die Sonne ist längst aufgegangen, die Flüchtlinge steigen aus, und die S-Bahn­sta­tion, an der wir umsteigen, heißt Hochzeit und ist abgebrannt.



„lieben, was es nicht gibt.“

Zwischen Oranienburger Tor und Naturkundemuseum ohne Dinosaurier mittlerweile findet die Tagung statt. Die Tagung ist eine Konferenz zu Ehren Schernikaus, und weil auch Schernikau so gern Kaffee trank, dass er sich, um nicht pleite zu gehen, während seiner tage in l. den Kaffee im Intershop besorgt habe, besuchen wir kurz den Kaffeeladen, der nach Balzac, dem anderen großen Dichter und Kaffeetrinker, be­nannt ist. Der Kaffee hier ist teuer und dünn, aber die Tassen sind groß immerhin, und der Tisch wackelt nicht. Unterhalte mich mit JoJa über die fünf Stufen der Wirbeltierentwicklung, über die zehn Stufen des Vegetarismus und die noch viel zahlreicheren Stufen der Strudlhofstiege in Wien. Die Sonne scheint wie in Italien, die Gewerkschaft der Bergleute, Chemiker und Energiemenschen demonstriert für ungefähr 4,68 Prozent mehr Lohn, und für morgen ist wieder Sonnenschein und ausnahmsweise auch ne Sonnenfinsternis vorhergesagt.

Erste. Runde: Subjunktivismus und Journalismus.

Kurz nach neun vor Ort, der Ort ist gleich neben Wolf Biermanns ehemaliger Residenz, Dietmar Dath ist bereits da, und Jens Friebe kommt mal wieder zu spät.

Daths Vortrag beschäftigt sich mit Schernikaus Poetik, die groß, hoch oben und Avantgarde gewesen sei: untertreibende Avantgarde („Da ist Paul da“), und subjunktivistische Avantgarde („Der Kommunismus wird siegen werden“). Er erzählt von den Wörtern, die zu berichtigen seien, aber im Moment hät­ten wir nur diese Wörter, und mit diesen müssten wir hantieren, wir könnten ja nicht einfach schweigen, bis eine neue Sprache erfunden ist, aber wir sollten natürlich wissen, dass, wenn wir heutzutage das Wort Freiheit hören, fast immer freie Verkäuflichkeit gemeint sei. Namen von Roman- und Märchenhelden werden thematisiert, Anton Tattergreis, Meta Na­ckedei und natürlich Janfilip Geldsack – über den es ein Lied gibt, gesungen von Rio Reiser, Das Lied vom Geldsack.

Stefan Ripplinger in seinem Vortrag über Ronis journalistische Arbeiten sagt, „alles, was Ronald M. Schernikau geschrieben hat, war Literatur.“ Er beleuchtet die Düsseldorfer Debatte, erzählt von des Dichters literarischer Heimat, der DVZ, die heute der Freitag ist. Phrasen habe Schernikau nicht gemocht. Selbstbewusst sei er gewesen, wie Peter Hacks („Ich könnte auf Selbstkritik verzichten“) und Arno Schmidt („Ich finde Niemanden, der so häufig recht hätte, wie ich!“). Und Wahrheit habe er so definiert: Es kann etwas wahr sein, aber nicht wirklich. Am Ende bezeichnet Ripplinger Schernikau als Außenseiter in der DKP, und ein junger Mann im Publikum gesteht, er könne nicht verstehen, dass der herzensjunge Schernikau Mitglied in die­ser mausgrau-ver­knö­chertenen Partei war (was natürlich auch nur dann zu verstehen ist, wenn man weiß, dass für Schernikau der Sozialismus keine Utopie war, sondern eine Sache, die man machen kann – und dass man den Sozialismus nur ma­chen kann, wenn man Po­li­tik macht, und zwar in einer Partei – und zwar in einer Partei, die den Sozialismus auch wirklich machen will und ihn nicht nur im Parteiprogramm stehen hat).

Zweite Runde: Uhrmacherblick und Götterblick.

Georg Fülberth, der einst eine wichtige Geschichte der Bundesrepublik geschrieben und später ausgerechnet hat, wie lange der Kapitalismus noch dauern wird, beginnt die zweite Runde: RMS habe auf die DDR geschaut, er habe sich alles ganz genau angeschaut, jedes Detail, wie ein Uhrmacher, er habe gesehen, was im Kleinen gut war und was nicht funktionierte… Und während Fülberth liest, schweifen meine Gedanken ab, ich bin ungeduldig, will wissen, wie der Blick von oben war, Götter sind doch viel interessanter als Uhrmacher, jetzt mal im Ernst, und ich zoome mich zurück in eine alte Zeit, und ich zoome mich heraus aus dem Brechtforumssaal in den Himmel, der heute wolkenlos ist, und so kann ich alles ganz klar und ganz klein sehen, und so wird es auch Roni gegangen sein, als er, gott- und göttergleich, von oben auf das Land und auf die Welt guckte, und auch er sah, dass alles, was im Kleinen und unter der Lupe des Uhrmachers prima war (oder auch nervte), zusammenhing mit dem großen Ganzen: Wer Ba­nanen will, muss Neger hungern lassen. Und weil er das nicht wollte, verteidigte er die DDR, vor allem aus diesem Grund, trotz aller sichtbaren Mängel und so oft es ging…

…Peter Hacks habe ihn deshalb um ein zwei kleine Präzisierungen gebeten. Wieviel leichter, schrieb er dem Freund, wäre zu reden, wenn er, Schernikau, nicht immer von der DDR, son­dern von „Honeckers DDR“ sprechen würde: „Sie verteidigen stets Unentschuldbares.“ Auch empfahl er ihm dringend, in der legende auf fifi, ka­fau, tete und stino zu verzichten: „Lassen Sie die Götter weg!“ – – – Nehmen Sie Goethe!, hätte er fortfahren können, denke ich, und ich denke weiter, dass Hacks‘ erster Vor­schlag offene Türen eingerannt hat damals, und auch der zweite wäre vermutlich auf Wohlwollen gestoßen: Wenn Schernikau die DDR verteidigte, dann war es wohl weniger, wenn auch unausgesprochen, die real existierende, sondern eher eine Idee von einer sich immer weiterentwickelnden DDR – so wie auch Goethe und die Götter weniger am real existierenden Menschen als an einer Idee vom vollkommenen Menschen interessiert waren.

Jedenfalls nahm ihn Hacks im nächsten Brief in die Partei der zehn Gerechten auf und bezeichnete ihn später als letzten normalen Menschen – und Georg Fülberth steuert dem die schöne These bei, dass Schernikau nicht der letzte, sondern viel eher der erste Kommunist gewesen sei.

Zitat des Tages.

„Sinnvolles Leben ist Kampf für sinnvolles Leben.“ (Ursula Püschel über den Sinn des Lebens im real existierenden Kapitalismus)

Friedhofsspaziergang. 

Spazieren in der Mittagspause die Chausseestraße entlang und kehren ein in dem indischen Restaurant, welches ich mit der halben Großfamilie besucht hatte im Sommer 2012, als ich noch kein einziges Wölkchen am Himmel sah, obwohl sich das Unwetter längst zusammen­gebraut hat­te. Linsensüppchen und Salat, danach Gemüse in einer der ty­pischen Soßen, die immer ganz okay sind aber nie außergewöhnlich gut. Dann Verdauungsspaziergang über den Mül­­lermilch-Friedhof. Helene Weigel, weil sie nicht über unrealistische Zylindervasen diskutieren wollte, liegt noch immer zur Strafe in der Ecke; auch Nelly Kröger hat‘s nicht besser erwischt (worüber hat sie nicht diskutieren wollen?). Herbert Marcuse trötet weiter sein Weitermachen!, Fritz Teufel hat sich ein hoffnungsvolles „wenn‘s der Wahrheitsfindung dient“ in – oder besser: auf den Stein meißeln lassen, Besucher ha­ben Büchsen voller Stifte auf Christa Wolfs Grab gelegt: Wei­terschreiben?, die Erinnerung an Heiner Müller verblasst nicht nur, wie Jörg Sundermeier morgen verraten wird, im wirklichen Leben, auch auf dem überhaupt nicht zylindrischen Grabstein ist sein Na­me kaum noch zu erkennen, JoJa verrät mir liebenswürdigerweise, dass John Heartfield nicht zufällig ne­ben der Familie Herzfelde begraben liegt (wusste ich bislang gar nicht), eine dicke schwarze Katze streift, wie in einem Text von Wiglaf Droste, über die Wege, Otto Sander wird von einem Fabelwesen bewacht, die schwülstigste Inschrift aller Zeiten ziert weiters das Grab des nie verurteilten Freundinnenmörders Johannes R. Becher, den schönsten Grabstein hat Karl Mickel – und Wolfgang Hilbig finden wir nicht.

Finden.

Was ich hingegen finde, ist schön. Also ich finde es wirklich schön, direkt am Fenster zu sitzen den ganzen Tag lang und herausgucken zu können. Ständig karren Postboten in kurzen, dunkelbeigen Hosen Stapel von Paketen geheimnisvollen In­halts heran, wie früher in den Mafia-Filmen mit Robert de Niro, wichtige Menschen laufen auf und ab, und diejenigen unter ihnen, die sich am wichtigsten nehmen, sie laufen nicht etwa, nein nein, sie fahren. Sie fahren auf Dingern, die in der Provinz DeoGoethe­-Roller heißen, tragen Hel­me mit albernen Mustern drauf und demonstrieren quatschend & quietschend ihren kreativen, selbstmotivierenden, flexiblen, flachhierarchigen, ganzheitlichen, innovativen, eigenverantwortlichen, nachhaltigen, freiheitlich-demokratischen, selbstoptimierenden und immer höchst individuellen Teamspirit. Yes, it smells like team spirit, und es sieht sehr putzig aus, aber am put­zigsten ist die mollige Dame, welche einen gestauchten, elsterglänzenden Miniaturfern­sehturm spazieren trägt. Das finde ich richtig schön. Und wer auch was fin­det, ist Ellen Schernikau, und zwar findet sie ganz schnell die Fassung wieder: JoJa kommt vom Klo, begegnet ihr, sie fragt: Ist das hier die Mädchentoilette? Kuckt ihn an und sagt: Oh nein, das ist sie nicht…

Dritte Runde: Geschlecht und Grenze.

„ich möchte, dass rummel ist. ich weiß, das ist sentimental, aber so schön.“ Nach den kurzweiligen Vorträgen bislang wird’s nun akademisch. Wichtige Fremdwörter, und selbstverständlich werden Grenzen gesucht, erfahren und überschritten, als sollte der romantische Anarchist Heinrich Böll Recht behalten mit seinem: Man muss die Grenze überschreiten, um zu wissen, wie weit man gehen darf. Unter dem machen sie’s nicht. Dann werden „Räume schwuler Subkultur“ geöffnet (als ob man da gern reinkucken würde), und das Coming Out nimmt man ganz wörtlich: als ein Herauskommen (aus der Milchglas­­glocke der sich bislang (hermetisch!) abschirmenden Sub­kultur), als eine Bewegung im Raum. Raus aus den Klappen, rein in die Stra­ßen! Und als der durchaus sympathische Vortragende meint, die Treppe, auf der sich zwei der vier Protagonisten aus So schön begegnen, sei in der Psychoanalyse ein Symbol für den Geschlechtsverkehr, da denke ich nur kurz: Halt! Ist es nicht so, dass Schwule, um die es sich ja handelt in diesem Drehbuch zu einem utopischen Film, also dass Schwule vorzugsweise Sex haben als dass sie Geschlechtsverkehr ausüb(t)en? Jedenfalls, so der Vortragende weiter, sei die Zahl vier in Schernikaus utopischen Film die utopische Zahl – das vierblättrige Kleeblatt der kommunistischen Liebe auf dem Rummelplatz: Wir Vier zwei / an einem Bungee­seil / wär das nicht geil…

Vierte Runde: Die Schönheit von Ost-Berlin und die Zerschlagung der Gewerkschaften.

John von Düffel unterbricht seine Probearbeiten kurz und kommt herüber vom großen DT zu uns ins kleine Brechtforum. Erzählt von dem Theaterstück, welches ich mir mit JoJa am 9. November letzten Jahres angeschaut hatte, wirklich perfektes Timing damals, und auf JoJas Frage, wie es zur Zu­sammenarbeit mit Margit Bendokat gekommen sei, antwortet von Düffel mit einer Gegenfrage (die Schernikau mal gestellt hat?): „Wie schafft es Margit Bendokat, gleichzeitig Margit Bendokat und sie selbst zu sein?“ Jedenfalls, um nicht durchzudrehen, dreht sich alles in dem Bühnenstück um Irene Binz, die vier Ronis, die Insel (die auch das Land ist), alle drehen sich um die Mutter, und die Mutter ist die Sonne. Und die richtige Mutter hier im Saal, sie sagt, die Lieder, die in dem Stück ge­spielt wur­den, seien Ronis Lieblingsschlager gewesen.



Das ist das Stichwort für Christian Jäger, er stellt uns Musik vor, allerdings keine Schlager, sondern mehr oder weniger nördige Postpunk-Mugge gegen das Bürgertum und die Hip­pies, Musik von den Krupps, Walter-Ul­bricht-Schallfolien, Fehl­farben (Grauschleier), Human League, Sozialistisches Pa­tienten-Kollektiv, Scritti Politti, Kos­monau­tentraum. Das hat zwar alles nichts mit Schernikau zu tun, zumindest, was den Musikgeschmack betrifft, aber zeitgeschichtlich und auch politisch passt es freilich. Der Vortragsbo­gen wird gespannt von einem Foto Lewis Hines‘ zu den Ver­suchen Billy Braggs, die popmusik­hörenden Jugendlichen zu politisieren. In Groß­britannien seien gera­de die Mine Workers Unions zerschlagen worden, und auf die auch damals noch aktuelle Forderung der Wirtschaftswunderkinder nach kürzeren Arbeitszeiten habe der Kapitalismus sehr ver­gnügt reagiert, er sagte: Ihr wollt mehr Freizeit? Könnt ihr haben. – Und führte die Massenarbeitslosigkeit wieder ein… Thomas Meineckes Nicht-vor-Ort-Sein wird bedauert (er sei eingeladen gewesen, habe aber leider aufgrund von Zeitmangel absagen müssen), und Jäger liest Auszüge aus einem durchaus gelungenen Mode-und-Ver­zweiflung-Text Meineckes, es ist die Geschichte von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen; von einem, der der stets freund­lichen Aufforderung folgte und „nach drüben“ ging.

Sag ja!

Juchteln, es dämmert draußen schon, kurz ins Café Cinema am Hacks’schen Markt. War ja schon mal hier mit Thomas, und auch JoJa war mal hier, aber nicht mit Thomas, sondern mit Hannes, und JoJa erzählt mir die Breakfast-at-Tiffanys-Ge­schichte, die er mit Hannes erlebt hatte da­mals. Dieser habe ihn eingeladen zum Essen und noch mal zum Essen, Blumen hätten auf dem Tisch des Re­staurants ge­standen, und an ei­nem einzigen Tag seien die hundertfünfzig Euro, die Hannes monatlich zum Leben ge­habt habe, alle gewesen. So sei er ge­wesen, ein bisschen ver­rückt. Dann lau­fen wir rüber zu den Sophiensälen, und um in einen dieser Säle hineinzukommen, braucht man eine Eintrittskarte. Weil wir ein bisschen spät dran sind, kommen wir namentlich auf eine Warteliste, es ist ein bisschen wie früher in der DDR, eine beinahe vergessene Duldsamkeit bewegt die Wartenden, oder richtig: lässt sie verharren. Bis endlich die Namen vorgelesen werden, Be­we­gung kommt in die Schlange, es wird gescherzt, und am Ende haben alle Glück und bekom­men eine Karte. Für Jens Friebe, der singen, und Anna Becker, die aus legende lesen wird. Mittendrin muss ich mal dringend, verlasse also den Saal, und als ich wieder rein will, geht das nicht, weil sich die Tür nur von innen öffnen lässt. Schon wieder so ein ulkiges DDR-Erleb­nis. Das kann man doch nicht machen. Das muss man doch anders lösen. Zum Glück hab ich noch ­mal Glück heute Abend, JoJa liest meine SMS und öffnet mir die Tür. Und so sitze ich rechtzeitig auf meinem Platz, um den Höhepunkt des gut einstündigen Pro­gramms mitzuerleben, das fröhlich-flehende Lied Sag ja!

Wieder draußen, ist ganz viel internationales Vergnügungs­publikum unterwegs, zur großen Freude von Christiane Rö­sin­ger bestimmt – und erst Recht zu meiner:

Da vorn läuft Johnny Rotten. – Schock!
Er trägt, oh nein!, nen Schottenrock.

Erkenntnis des Tages I.

Nicht selten, sagt Dietmar Dath, würden Leute entlassen, die in der FAZ das Wort machen verwendeten – und nicht etwa das wirklich blöde Wort Machern.

Erkenntnis des Tages II.

Wenn es stimmt, dass Lügen kurze Beine haben, dann kann ich guten Gewissens daraus schließen, dass JoJa stets die Wahr­heit sagt.

Fünfte Runde: Elsner und Hacks.

Zunächst wird die Freundschaft zwischen Gisela Elsner und Schernikau thematisiert. Die Dichterin habe sich beschwert, dass Roni sie als Dichterin bezeichnete in die tage in l., als ge­niale gar (und passenderweise fragt die ZEIT von gestern, ob Genialität männlich sei) mit den Worten: „Ich bin eine schmutzige Satirikerin.“ Dichter seien so Leute wie Rilke, Brecht, Tho­mas Mann oder Goethe gewesen. Viel ist auch von Eitelkeit und Neid die Rede, und von ihrer Vorliebe für kostspielige Kostüme und Luxushotels. Ja, Luxus für alle. Aber weil‘s noch nicht so weit war damals mit dem Luxus für alle, wird geschimpft und analysiert: Mutterschaft, zum Beispiel, sei eine Erniedrigungsstrategie des Patriarchats. Das habe die Dichterin gesagt, die auch Mutter war und ein sagenumwoben schlechtes Verhältnis zu ihrem Sohn hatte, weswegen sie sich Roni als Pflegekind ausgesucht habe gewissermaßen. Krönung der Ehre, die sie­ Schernikau erwies, sei gewesen, ihm ihren Nachlass anzuvertrauen; in Unkenntnis der Tatsache, dass Schernikau zu diesem Zeitpunkt bereits schwer krank war. Es wird ein biss­chen weiter geplaudert, dann kommt die Wende, und nach der Wende habe sich die Elsner gegen alle Ratschläge entschieden, von München nach Berlin zu ziehen, nach Weißensee, in ein Mietshaus voller Spießer. Drei Tage später sei sie wieder in München gewesen und habe gesagt, sie werde nie wieder einen Fuß in die DDR setzen, die es zwar damals nicht mehr gab – aber irgendwo doch noch.

Der DDR nach seinem Umzug nie untreu geworden war Peter Hacks, um den es im nächsten Vortrag geht. Konkret um seinen kurzen Briefwechsel mit Schernikau, und einer der beiden (wer wohl?) wird von André Thiele als „großer Betrüger der deutschen Literatur“ bezeichnet, „wobei der Betrogene nach der Lektüre reicher ist.“ Eine sehr liebevolle Art der Lügenlümmelei, wobei man nicht etwa einen Vorteil für sich selbst herbeiwünscht, sondern anderen einen tatsächlichen Vorteil verschafft. Dann kommt die Frage auf, ob Schernikaus Li­teratur für Hacks realistisch, aphoristisch, naturalistisch, pseu­do­rea­li­stisch, postmodern oder gar das gewesen sei, was im Westen gern Frauenliteratur genannt wird (zu allem Übel auch noch fabriziert von einer „Westberliner Trümmertunte“) – da meldet sich, wie von der Trümmertunte Tarantel gestochen, der jun­ge Mann mit der traurig-lichten Punkfrisur und sagt, Hacks‘ Geschlechtsbild sei ekelhaft. Die Wogen glätten sich erst, als ein noch ärgerer Sün­denbock gefunden ist, André Müller sen. nämlich, welcher viel widerlichere Sachen in dieser Hinsicht von sich gegeben habe. Basta! Mal schauen, was der Briefwechsel zwischen ihm und Hacks in diesem Punkt bereithalten wird (von offener Homophobie wird gesprochen auf dem Podium). Der junge Mann aber lässt nicht locker und fragt weiters, warum sich Schernikau „ausgerechnet diesen Hacks“ als Mentor ausgesucht habe – und muss sich in diesem Falle belehren lassen, dass dies allein aus äs­thetischen und politischen Gründen geschehen sei. Nobody’s perfect. Mich tangiert das Problem ja gar nicht so sehr, mich haben Hacksens Bemerkungen stets eher amüsiert als empört, also schaue ich mal wieder aus dem Fenster, Trams rattern vorbei, in einer sitzt JoJas Freundin Sanne, Medienmenschen steigen aus ei­ner schwarzen Limousine und schrauben urst teure Ka­meras zu­sammen, und im Fenster gegenüber lehnt ein Herr und fo­tografiert die Sonne, welche scheint, als würde die Finsternis ins Wasser fallen und nicht auf die Erde.

Maybachufer.

Auf dem Höhepunkt der hellsten Sonnenfinsternis aller Zei­ten ent­scheiden wir uns, die sechste Runde auszulassen und zum Maybachufermarkt zu fahren. Schlendern dort durch die schmalen Gassen zwischen den Ständen mit Orangen, Oliven, orientalischen Kräutern und originalen Hühnerfüßen, JoJa schnabuliert Backbananen, kauft sich einen feinen Stoff für wenig Geld, dann spazieren wir in den Gräfekiez, JoJa holt sich eine Portion Süßkartoffelcreme, lustige Plakate win­ken unterwegs, und wir rechnen aus, dass das Leben in Berlin nicht nur viel verrückter, sondern auch viel teurer wäre. Darauf hätte ich auch ganz alleine und ein bisschen früher kommen können, fürwahr. Der anschließende Versuch, in der warmen Sonne Kaffee zu trinken, scheitert zwar (wir werden nicht bedient – noch einer dieser Gründe), das macht aber gar nichts, der kleine Ausflug ist auch so sehr erholsam. Wenn nicht gerade Terror wäre in Tunis und auf fast der ganzen Welt.

Siebte Runde. Linker Antikommunismus und: Was wir uns wünschen.

Marlies Janz, ehemalige Lektorin im Rotbuch-Verlag, sorgt für einen kleinen Paukenschlag, den Thomas Keck ganz souverän wegsteckt, während Stefan Ripplinger den Saal verlässt leider. Es geht um Falschdarstellungen bei Frings und Keck, die Veröffentlichung von kleinstadtnovelle betreffend, und es geht um die auf schernikau.net veröffentlichte Langversion eines Interviews, welches Ripplinger im Jahr 1987 mit Schernikau geführt hatte und in welchem durchaus übertrieben gemeine Beschimpfungen in Richtung Rotbuch zu lesen seien, welche Schernikau, behauptet die Janz, würde er noch leben, niemals autorisiert hätte. Fünf Falschmeldungen korrigiert sie, und dann plaudert sie ein wenig. Die Umarmung habe das Büchlein heißen sollen, um zweihundertzwanzig Änderungen habe man den jungen Autor gebeten, drei Wochen seiner Sommerferien (er war ja noch Schüler) habe Schernikau deshalb in Berlin verbracht, auch habe man ihm erklären müsse, wie eine Novelle aufgebaut sei. Zum Schluss sagt sie: Hätte Schernikau die sich im Nachlass befindende Langfassung der kleinstadtnovelle als Manuskripts eingereicht, hätte sie es ihm zurückgeschickt, zu viel DDR-Propaganda sei darin gewesen, das Büchlein habe in dieser Version weniger einem schwulen Co­ming Out als einem DDR-Coming-Out geähnelt.

Thomas Keck erzählt, dass der (niedrig­schwellig offene) Nach­lass Schernikaus in die Akademie der Künste wandern werde noch in diesem Jahr wahrscheinlich. Ein Leipzig-Kon­volut sei dabei, und an Schernikaus Definition für Schönheit wird erinnert: „Schönheit ist das Versprechen, dass das werden kann, was wir uns wünschen.“ Gedichte habe RMS datiert, Briefe hin­gegen nicht. Keck sagt, dass die zentrale Frage Schernikaus ge­wesen sei, ob wir den Sozialismus machen können. Und weil Schernikau diese Frage mit Ja beantwortet habe, sei er in der Partei gewesen; deswegen habe er Gorbatschow als „Konterrevolution an der Spitze der Revolution“ bezeichnet, deshalb lese er König Lear auch als ein Gorbat­schow-Drama, deshalb kön­ne man sein politisches Bemühen nur verstehen, wenn man in ihm einen Parteikommunisten sehe – einen Parteikommunisten, der Weltliteratur hinterlassen habe.

Die siebte Runde ist ausnahmsweise eine Dreierrunde, und der dritte im Bunde ist Jörg Sundermeier vom Verbrecher Verlag. Er lobt die anwesende Dorothee Gremliza und zitiert einen abwesenden Verleger, welcher während der Leipziger Buchmesse zu hören gewesen sei mit den Worten: „Wenn ichs erst lesen muss, bevor ichs verkaufen kann, hab ich meinen Beruf verfehlt.“ Mit Hilfe von Karl Marxens Geld-Ware-Geld-Vorlage malt er ein Kunst-Ware-Kunst-Bild, also ein Dichter oder Schriftsteller mache Kunst, müsse diese anschließend verkaufen, wodurch die Kunst zur Ware werde, doch sobald ein Kunde die Ware kauft, böte sich ihm die Möglichkeit, aus der Ware wieder Kunst zu machen (Voraussetzung sei naturgemäß die Lektüre). Dann erzählt er von der legendären Dresdner Bücher­ertränkung im Jahr 2002, von den bereits veröffentlichten Schernikau-Büchern und – besonders spannend – von der geplanten Werkausgabe mit oder ohne Hardcover und mit oder ohne Briefwechselband. Ihn als Verleger interessiere selbstredend die Leserschaft, man müsse ja auch kalkulieren, und für ihn teilten sich die Schernikau-Jünger in zwei Gruppen. Gruppe eins: eine junge, politisch aktive, linke Leserschaft. Gruppe 2: eine etwas ältere, politisch aktive, linke Le­serschaft.
In der Diskussion ohne Ripplinger einigt man sich schnell, dass man, ebenso wie Schernikau, auch Dietmar Dath nicht als SPD-Liebhaber lesen könne (falls nicht ganz klar sein sollte, wie ich das meine: es ist beides gemeint). Bei Frings‘ Biographie hingegen ginge das sehr wohl (und das war wohl auch der Grund, warum ich anfangs ein bisschen streng war mit Frings, dabei kann er ja gar nichts dafür – nur dass er nicht anwesend ist bei der Tagung, dafür kann er was, und auch das hat seine Gründe). Frings‘ Buch jedenfalls sei für Sozialdemokraten geschrieben, die vielleicht gar nicht wissen, dass sie welche sind (wobei es darauf auch gar nicht ankäme).

Achte Runde. Das Interview. Klug und keck.

Zum Schluss Erika Runge, Autorin der Bottrop-Protokolle. Vier Wochen vor Schernikaus Tod hat sie ihn interviewt im Krankenhaus. Sie erzählt ein wenig aus ihrem Leben als zwischen 1956 und 1968 verbotene Kommunistin, ihren Berufserfahrungen, und dann, als krönender Abschluss der Konferenz, sind Ausschnitte aus dem Interview zu hören, welches seinerzeit vom RIAS gesendet wurde. Das ist ein sehr rührendes Protokoll, Roni, schon sehr geschwächt, wie man sich leicht vorstellen kann, klingt überhaupt nicht so, seine Stimme ist stark und zart, und er legt eine kluge Lebensfreude und kecke Heiterkeit an den Tag und in den Abend, die mich sprachlos macht…

Rücksichtslos und rücksichtsvoll.

Draußen dämmert es, jetzt ist wirklich Sonnenfinsternis, aber die regt keine Menschenseele auf. Essen schnell ne Pizza in dem Eck-Restaurant, an dem wir nun schon drei- oder viermal vorbeigelaufen sind. Am Nachbartisch ein balzendes Pärchen, das ganze Programm, das sich über mehrere hundert heterosexuelle Jahre eingespielt hat, wird abgespult von den beiden immer enger Zusammenrückenden. Am Tisch in meinem Rücken hingegen sitzen zwei junge Männer, sie sind ganz leise, schüchtern, geradezu rücksichtsvoll dezent. Einer der beiden ist sehr jung, zu jung vielleicht, und der andere, auch jung, aber ein ganzes Stück älter, versucht, der Situation die möglicherweise vor­handene Brisanz zu nehmen durch eine leicht aufgesetzt wirkende, kühle Aufmerksamkeit signalisierende Haltung.

Doppelte Legende.

Eine ganz anders brisante Veranstaltung dann die Lesung mit Thomas Neumann, einer Legende, wie Thomas Keck meint, er schaut aus, wie ich mir Käpt’n Brise vorstelle (kennt den noch jemand?), und er liest, nomen est omen, aus legende. Sehr pro­nonciert, zu prononciert am Anfang für meinen Geschmack, doch später, auf dem rasanten Höhepunkt der Handlung, wird mir klar, dass die anfängliche, durchaus leicht affektiert wirkende Gemächlichkeit des Vortrags ein äußerst treffsicheres stilistisches Mittel war.

Offene Fragen.

Wieder mal erst hinterher komme ich auf ein paar Fragen, die ich durchaus hätte stellen können. Zum einen, ob sich Roni und Rio gekannt hätten; zum nächsten, wie die durchaus vorhandenen Ähnlichkeiten in den Texten von Schernikau und Montaigne zu bewerten seien (Ripplinger nahm gestern Bezug auf Schernikaus weltberühmten Mitleid=Selbstmitleid-Artikel). Und zum dritten, wie Roni mit seiner HIV-Infektion umgegangen sei.

Pferd und Möwe.

Laufen nach der Lesung schnell in Richtung Hauptbahnhof, der ist gleich um die Ecke, einfach die Invalidenstraße entlang, den Gleisen der Straßenbahn folgend. Kommen pünktlich an. Links von uns, auf dem Treppenpodest vor dem Ne­beneingang des Hintereingangs des Hauptbahnhofs, der im Dunkeln weniger ei­nem Bahnhof als einem mehrgeschossigen Glaskasten gleicht, durch welchen die Züge durchfahren ohne sich wehzutun hoffentlich, hat sich eine Pferdeplastik aus Edelstahl kreisrund und auch ein bisschen scheckig gelacht. Rechts von uns, gegenüber des Hintereingangs des Haupt­bahnhofs werden derweil Mö­wen­schwin­gen in hellen Beton gegossen, welche als Unterstand dienen sollen für zu­künftige Tramfahrgäste. Gefangen sind wir in Tiermetaphern, aber zum Glück verlassen wir diesen Ort bald, unser Stahlross fährt gerade ein…

Perlentauchgänge.

Heute die taz und die junge Welt berichten vom Schernikau-Kongress. Die taz kapriziert sich weniger auf die Vorträge als auf den Veranstaltungsort und die Besucher – das kann man ruhig machen, dann sollte man allerdings ge­nauer beob­achten. JoJa wird in dem Artikel erst geklont, dann jünger ge­macht, und zum Schluss werden ihm dunkle Haare und ne Metallbrille angedichtet, dabei war‘s und ist‘s doch ganz anders: „Es kommen viele junge Leute Anfang, Mitte 20. Sogar ein paar [sic!] Schernikau-Look­alikes: mittellange dunkle [sic!] Haare, zum Zopf gebunden. Große runde [sic!] Brillengestelle aus Metall [sic!]. Sie haben die DDR nicht mehr erlebt [sic!], doch Schernikau lockt sie.“ (Stefan Hochgesand, Der schöne, schwule Kommunist, in: taz, 23. März 2015).

Kai Köhler hingegen berichtet kurz und knapp, wie sich’s gehört, und dass die Konferenz erst der Anfang – wie ja auch Scher­nikau nicht der letzte, sondern viel mehr der erste Kommunist gewesen sei.


Mittwoch, 28. November 2012

Sag ja


Vor den Worten war die Dunkelheit, vor dem Verstehen war das Schweigen. Das Schweigen ist die Stille und ist der Lärm. Gegen die Dunkelheit, gegen die Stille und gegen den Lärm, helfen die Worte. Man kann die Worte sprechen, man kann sie singen, man kann sie verstehen.

Herr Maffrodit spricht, er sagt etwas, er sagt ja, er singt ja, er bedankt sich artig bei Herrn F. und singt, stellvertretend für alle Frauen von Welt, ein Lied für Meta. Er will verstanden werden.


  video



Sichzusammenreißen


Fast alles, was ich, Herr Maffrodit, über die Liebe und das Leben weiß, weiß ich von meinem Vater, Pasiphaë, und weiß ich von meiner Nichte, Meta. Mein Vater war, Sie wissen es, ein Genie. Bevor die Menschen sein Genie erkannt hatten, war er berühmt. Nachdem sie sein Genie erkannt hatten, beschlossen sie, ihn nicht mehr zu kennen. Die Menschen wollen nun mal in Ruhe weiterleben. Genies stören nur und immer. Was aus Meta werden wird, steht in den Sternen, deren jeder, bekanntlich, ein bisschen Recht hat. Ich will zum Gegenstand kommen.

Wer liebt, ist entweder glücklich oder verzweifelt. Natürlich ist er beides, Glück ist ohne Verzweiflung nicht zu haben. Das Dilemma scheint nicht lösbar zu sein, darum wird so viel über die Liebe geschrieben und gesungen. Vater sagte, sie sei ein Ding der Unmöglichkeit. Andere meinen, sie ähnele dem Krieg, tue weh oder sei böse. Beides stimmt, wenn wir ängstlich im Hier und Heute verweilen, und stimmt nicht, wenn wir mutig nach vorn blicken und aufmerksam lauschen, was uns die Glocken des Fortschritts läuten. Dann werden wir hören, dass eines Tages die Freundlichkeit und das Klugsein in der Welt sein und das Kämpfenwollen und die Moral ausgedient haben werden – dann werden wir hören, dass wir den Diamanten, der die Liebe ist, bald bergen, bewundern und genießen können. Bis dahin gilt es, Haltung einzunehmen oder zu bewahren. Es gibt, wie immer, zwei Wege. Links entlang zu gehen, ist, in seiner Verzweiflung glücklich zu sein (es ist der klassische Weg, Goethe ging ihn); rechts entlang zu gehen, ist, an seinem Glück zu verzweifeln (es ist der romantische Weg, Werther ging ihn). Ersteres bringt einen weiter, letzteres macht einen krank.

Die Liebeskrankheit ist, wie jedes andere Leid auch, eine Form des Sichgehenlassens. Sichgehenlassen kann süchtig machen. Es heißt nicht ohne Grund Sehnsucht. Sehnsucht ist, wie jede Sucht, der unbezwingbare Wunsch, sich etwas, in diesem Fall jemanden, einzuverleiben. Das Bild ist düster, wenden wir unseren Blick in hellere Gefilde: Wer glücklich statt verzweifelt sein, wer lieben statt leiden, wer also leben will, hat sich zusammenzureißen.

Wenn ich, wie im Märchen, drei Wünsche frei hätte, würde ich mir wünschen, auch Sie, die Sie so freundlich sind, meinen Gedanken zu folgen, störten (1) die gemeine Ruhe, die nur Trägheit ist, pfiffen (2) auf das falsche Leben, das die Liebe vereitelt, teilten also (3) die große Lust am Sichzusammenreißen.


Rocko Schamoni:
Lieben, Lieben heißt leben lernen /
Liebe greift zu den Sternen /
Lieben heißt abzugeben, das Leben...

Donnerstag, 6. September 2012

Meta Morfoss


Mein Name ist Herr Maffrodit, ich habe einen Schnurrbart und bin die Tante von Meta Morfoss. Man kann auch sagen, Meta ist meine Nichte. Beides ist richtig, es kommt auf den Standpunkt an. Ich möchte Ihnen meine Nichte vorstellen.

Meta ist ein kluges Mädchen, welches nicht nur klug ist, sondern auch die Begabung hat, besonders fein fühlen, hören und sehen zu können. Sie hat so gut gespitzte Ohren, dass sie das Gras wachsen hört, und so scharfe, seelenvolle Augen, dass sie problemlos in andere Menschen hineingucken kann. Oft wundert sie sich über das, was sie da zu sehen bekommt. Die anderen Menschen wundern sich dann, warum Meta sich wundert und entschließen sich fast immer, sie wunderlich zu finden. Sie sagen, weil sie es nicht besser wissen: "Kein Wunder, dass Meta so ist, wie sie ist - bei dem Namen!" Weil Meta in die anderen Menschen hineingucken kann, weiß sie, wie es ihnen geht. Manchmal vergisst sie, dass die anderen Menschen dies nicht können, und dann ist sie traurig und glaubt, dass niemand sie versteht.

Oft wundert sich Meta darüber, was die Menschen einander antun, wie sie miteinander umgehen, wie sie sich weh tun, eifersüchtig sind, statt sich lieb zu haben, sich treu zu sein, sich fair zu verhalten und nicht nachtragend zu sein. Meta hat alle Menschen lieb, sie könnte es anders gar nicht ertragen. Und auch alle Tiere. Einmal hat sie einem Schweinchen Gummistiefel gebracht, damit es keine kalten Füße bekomme. Wenn ihre Eltern keine Zeit haben, kümmert sie sich um ihre kleine Schwester, treibt mit ihr Schabernack, schlägt mit ihr Kabolz, liest ihr lustig-gruslige Geschichten vor, malt ihr Bilder (einmal einen Löwen mit einem weinenden und einem lachenden Auge) - und erzählt ihr von dem Schloss, in dem sie wohnt.

Meta vermag die schönsten Träume zu träumen. In ihrem Lieblingstraum lebt sie in einem riesigen Schloss zusammen mit all ihren Freunden und Verwandten. Ihre Eltern sind das Königspaar, und alle sind die ganze Zeit vergnügt und zu Späßen aufgelegt. Meta ist sich ganz sicher, dass alle Menschen in diesem Schloss wohnen könnten, doch wenn sie ihnen davon erzählt, erntet sie oft ratlose Blicke. Selbst ihrer allerbesten Freundin, von welcher sie vor nicht all zu langer Zeit gefragt wurde, ob sie nicht endlich aus ihrem Traum erwachen wolle, musste sie sagen: "Ach Susi, mach doch das schöne Schloss nicht kaputt. Zieh lieber mit ein, nimm mich in den Arm und sag, dass du mich ein bisschen verstehst. Das Schloss, in dem ich lebe, ist so groß, dass alle, alle Freunde, alle Verwandten, alle Menschen und auch alle Tiere der Welt Platz darin fänden, nicht nur du und ich allein."

Sie sehen, Meta ist der wundervollste Mensch der Welt. Was Sie nicht sehen, weil Sie es nicht sehen können, ist, dass Metas Augen oft ein bisschen traurig blicken. Sie trägt sich mit heftigen Absichten und ist auf genau die richtige Art und Weise frech. Viel redet sie nicht. Aber was sie sagt, das sitzt. Wenn Sie sich - aus Liebe zum Nochniedagewesenen - für die bestmöglichen Menschen interessieren, werden auch Sie zugeben, dass es Zeit wurde, Ihnen Meta vorgestellt zu haben. Es wurde wirklich Zeit.

Ton Steine Scherben / Marianne Rosenberg:
Ich hab geträumt / der Winter wär vorbei / du warst hier / und wir warn frei / und die Morgensonne schien // Es gab keine Angst / und nichts zu verliern / es war Friede bei den Menschen / und unter den Tiern / das war das Paradies...



Freitag, 11. Mai 2012

Herr Maffi sucht das Glück


Nicht selten lebt Herr Maffrodit in den Tag hinein, manchmal macht er einen Plan. Vor einiger Zeit plante er, das Glück zu finden. Was er vom Glück wusste, war, dass manch einer mancherorts ein Recht darauf hat, es anzustreben, und dass man anderenorts vermeint, es messen zu können. 
Herr Maffrodit reiste in die große Stadt. Er sah sich um, spazierte durch prominente Gassen und probierte kulinarische Seltsamkeiten. Und tatsächlich begegnete ihm auf seinen Wegen das Glück (zweimal zufällig, einmal legte er es heftig darauf an). Der Plan jedoch misslang. Obwohl Herr Maffrodit dem Glück begegnete, gefunden hat er es nicht. Was er fand, waren Einsichten: Das Glück ist schüchtern und hat Angst, ja Panik vorm Alleinsein. Manchmal ist es leise, manchmal ist es laut, manchmal umwölkt von Melancholie, manchmal umstrahlt von Heiterkeit. Selten lächelt es zurück. Immer scheint es auf der Flucht zu sein. Als würde es Angst vor uns haben.
 
Auf der Suche nach dem Glück: Panik! und Heiterkeit?






















Vielleicht, dachte Herr Maffrodit, fehlt dem Glück ein Freund. Ein Freund, der ihm hilft, keine Angst mehr vor uns und dem Leben zu haben. Damit es uns nicht mehr flieht, damit es etwas länger verweilt – 
oder wenigstens aufisst.

Das Glück hat nicht aufgegessen.


Freitag, 9. März 2012

Der Tulpentraum

Eines Tages saß Herr Maffrodit am Frühstückstisch, erfreute sich an den Tulpen, die vor ihm in der Vase standen, und erinnerte sich an einen Traum. In diesem Traum lebte ein Mann, der war nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Er war gescheit und stand, wie man so sagt, mit beiden Beinen im Leben. Er dachte viel nach über Gott und die Freiheit, er dachte viel an sich, und er dachte, dass dem König, unter dem er litt wie kein zweiter, am besten zu schaden sei, wenn er all dessen törichte Befehle befolgte. Der Mann, klug, wie er war, gehorchte also dem König (gern auch vorauseilend) bis zu dessen letzter Stunde. Hernach sorgte er dafür, dass alle Untertanen in des Königs naturgemäß romantischen Liebesbriefen blättern durften (und wachte mit Argusaugen darüber, dass sie es auch ja taten). Als endlich alle Briefe ausgelesen waren (was sehr lange dauerte, da der König, wie es für Könige üblich ist, sehr viel Zeit und große Gefühle hatte), fanden die Menschen des mittlerweile größer gewordenen Reiches endlich wieder Zeit für andere Fragen. Zum Beispiel für die Frage, wer denn nun der neue König werden solle. Und sie sollten den kriegen, der sie erst lesen ließ und ihnen nun versprach, was ihnen der alte König und alle auf ihn folgenden Könige verwehrt hatten: das Reich nicht nur größer, sondern wieder so groß werden zu lassen, wie es vor langer, langer Zeit einmal war...

Während sich Herr Maffrodit an diesen Traum erinnerte, fiel ein Sonnenstrahl auf den Tisch und die sieben gelben Tulpen öffneten ihre Blüten; eine nach der anderen, ganz vorsichtig, bedächtig, geradezu zärtlich – für Herrn Maffrodit und selbstverständlich auch für alle anderen Frauen von Welt, denen schon immer dieser wie jener König gestohlen bleiben konnte. Was Freiheit wirklich ist, dachte Herr Maffrodit, bevor er den Tisch abräumte und sich ans Tagwerk machte, das weiß kein König dieser Welt.


Mittwoch, 7. März 2012

Erst Karneval, dann Frühlingserwachen

Wenn Herr Maffrodit, was nicht selten vorkommt, über die wichtige Frage, wer denn nun Herr und wer denn nun Knecht sei, nachzudenken beginnt, dann kommt er meist nicht weiter als bis zu diesem - zugegebenermaßen verführerisch hoffnungsfrohen - Gedanken: Wenn der neue Mensch, der erblüht, wenn das Herr- und Knechtsein aufgehört haben wird, nur halb so vernünftig, anständig und elegant sein wird, wie es Sahra Wagenknecht schon heute ist, dann möge der Frühling der Menschheit doch bitteschön lieber jetzt als später ausbrechen...

So schön, dass man nicht zagen mecht, ist nur die Sahra Wagenknecht (frei nach Harry Rowohlt)

Montag, 5. März 2012

Allerletztes zu Gauck oder: Mixed Emotions

Es gibt Tage, da ist Herr Maffrodit glücklich; es gibt Stunden, da ist er unglücklich. Es gibt Minuten, da könnte er weinen vor Glück; es gab auch eine Sekunde in seinem Leben, da mochte er lachen vor Schmerz. Was Herr Maffrodit jedoch nur vom Hörensagen vorzugsweise seiner geliebten Großmutter kannte, war das Gefühl, nicht zu wissen, ob man lachen oder weinen, ob man sich freuen oder doch lieber schreien möchte. Dieses Gefühl lernte Herr Maffrodit des heutigen Nachmittags in der Lehmann Buchhandlung zu Leipzig kennen.

Zwar nicht mehr auf Platz eins, aber...

Donnerstag, 10. November 2011

Erinnerung

a
9. November 2009

Tief bewegt verfolgt Herr Maffrodit am Abend die farbenfrohen Wetten-daß...?-Bilder der großen Feier anlässlich des 20. Jahrestages der Mauerverschiebung im Fernsehen. Verantwortliche und Nutznießer parlieren, Thomas Gottschalk moderiert, Jon Bon Jovi trällert, Mauerblöcke purzeln um und Schirmherren halten Schirme. Große Worte und große Gefühle, die, denkt Herr Maffrodit, dem Bewusstsein der Deutschen gerecht werden, selbst Schuld gewesen zu sein an dem Mauerschlamassel. Die Kanzlerin grüßt ihre Parteifreunde, was vor allem die Dame Clinton und die Herren Gorbatschow, Walesa und Sarkozy hoch amüsiert, sie beschwört die Freiheit, die es ihrer Familie ermöglichte, in den wärmenden Schoß der DDR flüchten zu können (1954) und gibt – erstmals an diesem Abend auf den historisch bedeutsamen 9. November zu sprechen kommend – ihrer Erleichterung Ausdruck, dass die Berliner sich an jenem Tag des Jahres 1989 die Freiheit nahmen, mit ihren brennenden Kerzen ausnahmsweise mal nicht in die Häuser zu rennen und diese anzuzünden (wie am 9. November 1938). Dann erinnert sie an den 9. November 1799 (Niederlage der Französischen Revolution, von der wir unsere Werte hätten, dann an den 9. November 1848 (Niederlage der deutschen bürgerlichen Revolution, die einen Teil dieser Werte habe verwirklichen wollen) und den 9. November 1918 (Niederlage der deutschen sozialistischen Revolution, die sich den anderen Teil dieser Werte auf ihre roten Fahnen geschrieben habe). Sie sagt, dass es jetzt, wo sich gezeigt habe, dass der Kantersieg des westlichen Kapitalismus ein Scheinsieg war, darauf ankomme, endlich die liberalen, den ewigen Frieden durch freien Handel (Immanuel Kant) zum Ziel habenden, und die sozialistischen, die friedliche und freie Assoziation der Produzenten (Karl Marx) anstrebenden Werte zusammenzubringen, weil sie zusammengehörten. Gänzlich gerührt ist Herr Maffrodit, als sie auch noch mahnt, die Mauer, welche bekanntlich nicht geöffnet, sondern lediglich verschoben wurde nach Osten und Süden, auch für Neger, Fidschis und Latinos zu öffnen, damit auch die endlich reisen und die Wunder der Freiheit genießen können ohne Angst haben zu müssen, kurz vor Lampedusa im Meer zu ersaufen, in ukrainische Menschenhändlerfänge zu geraten oder an der Grenze zu Arizona erschossen zu werden. In einer bewegenden Schweigeminute wird den Zehntausenden Mauertoten seit 1990 gedacht.

Erfreulich findet Herr Maffrodit vor allem, dass sich nicht, wie befürchtet, die ganzen neurotischen SED-, Ost-CDU-, West-CDU und Dissidentenverschwörer für ihren Anteil an der Mauerverschiebung im Fernsehen feiern lassen dürfen (weder Schabowski, noch Krenz, Modrow, Kohl, de Maiziere, Köhler,  Biermann oder Lengsfeld sind zu sehen), sondern die vielen beherzten Menschen, die damals für Anstand und Vernunft auf die Straße gingen und nach dem 9. November auf heillose Weise vom Bananenpöbel überschrieen wurden. So wird, denkt Herr Maffrodit, ganz entschieden dem Eindruck entgegengetreten, dass es besser sei fürs Volk, sich von einer korrupten Bande regieren zu lassen, als selbst die Zügel in die Hand zu nehmen. Krönender Abschluss der Veranstaltung im immer noch strömenden Regen sind die großen Worte der Kanzlerin, dass vor genau 20 Jahren der Kalte Krieg endete und der Heiße Frieden begann.

Plötzlich erwacht Herr Maffrodit; er schaut genauer hin, sieht purzenlde Dominosteine und gerät ins Grübeln. Er weiß nämlich, dass, wer es nötig hat, salutierende Jungpioniere (7. Oktober 1989) oder kreischende Hauptschüler (9. November 2009) zu ordern, um eine Feier noch pompöser wirken zu lassen, das nicht ohne Grund tut...

Sonntag, 11. September 2011

Aus Anlass des Jubiläums I


Im Jahre 1911 warfen italienische Flugzeuge Granaten auf einige Dörfer in der libyschen Wüste.
Dieses Experiment zeigte, dass Angriffe vom Himmel aus zerstörerischer, schneller und billiger waren als Bodenoffensiven. Die Luftwaffenführung berichtete:
„Das Bombardement hat eine wunderbare Wirkung in Bezug auf die Demoralisierung des Feindes gehabt.“
Die nächsten Versuche waren gleichfalls europäische Massaker an arabischen Zivilisten. Im Jahre 1912 griffen französische Flugzeuge Marokko an und wählten Orte mit vielen Menschen aus, um ihre Ziele nicht zu verfehlen. Und im darauffolgenden Jahr führte die spanische Luftwaffe, auch in Marokko, die eben aus Deutschland eingetroffene Neuheit ein: höchst wirksame Streubomben, die todbringende Stahlsplitter versprengten.
Von da an...
(Eduardo Galeano, Erfindung der Luftangriffe, in: Fast eine Weltgeschichte)